Ein Andersdenker und sein „WHY“

Hat Dir neulich mal wieder jemand den klugen Ratschlag gegeben, Du solltest Dich weniger im Außen orientieren? Mehr auf Deine Intuition vertrauen?
Wenn die Antwort auf diese Fragen für Dich völlig klar ist oder Du noch nicht mal den Sinn der Frage nachvollziehen kannst, dann brauchst Du vermutlich nicht weiterzulesen. Höchstwahrscheinlich hattest Du dann nämlich das Glück, bereits von frühester Kindheit an ein gesundes Gefühl für Dich selbst und Deine Bedürfnisse entwickeln zu können. Die Menschen in Deiner Umgebung haben Dich bewusst wahrgenommen, Deine Stärken wurden Dir gespiegelt und gefördert. Du hast einen gesunden Selbstwert ohne Abhängigkeiten entwickelt. Die besten Voraussetzungen für ein erfülltes Leben.

Was ist mit den Menschen, denen dieses Glück nicht in die Wiege gelegt wurde? Was ist, wenn sich das Leben wie ein täglicher Kampf anfühlt? Wenn sich kein automatisiertes Bewusstsein der eigenen Bedürfnisse entwickelt hat? Wenn zum Überleben früher andere Strategien notwendig waren? Kann ich dann überhaupt noch lernen, mich weniger im Außen zu orientieren und mir selbst mehr zu vertrauen? Ich bin der festen Überzeugung, dass es Möglichkeiten zur Veränderung gibt. Dazu muss mir jedoch erst bewusst werden, dass ich gegen meine eigene Natur lebe.
Die Brotkrumen, die das Leben einem auf den Weg wirft, können da weiterhelfen. Bei mir war folgender Satz einer dieser Hinweise:

„Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“

Dieses Zitat von Friedrich Nietzsche, aufgegriffen von Viktor Frankl, hatte mich bereits eine Weile begleitet. Wie so oft stellte ich mir die Frage: „Und was mache ich jetzt damit?“
Dass mir mein „Warum“ überhaupt nicht klar war, wurde mir vom Leben sehr deutlich gespiegelt, als ich 2015 in eine Sinnkrise geriet. Das führte dazu, dass ich mein komplettes „Personalerdasein“ in Frage gestellt habe und außer Geld keinen sinnvollen Grund mehr in meinem Tun fand. Mir wurde langsam klar – für dieses Tauschmittel alleine ist mir meine Lebenszeit zu wertvoll. Also habe ich die Brocken hingeworfen und bin erstmal radikal ausgestiegen.

Als mein Geist langsam (nach zwei Wochen Kontemplation in den eigenen vier Wänden) zur Besinnung kam, nahm mein Verstand seine Arbeit wieder auf. Ich begann mich intensiver mit meinem eigenen „Warum“ zu beschäftigen.

Ein entscheidender Schlüssel dazu war die Idee des „Golden Circle“ von Simon Sinek, die er in einem der erfolgreichsten Tedtalks beschreibt.

Dieses Thema begleitete mich nicht nur durch meine Coachingausbildung, sondern ist inzwischen eine der Grundlagen meiner Arbeit als Coach. Auch wenn die Existenzberechtigung der „Warum“-Frage unter Coaches vortrefflich diskutiert werden kann, halte ich den Ansatz von Simon Sinek sowohl für Einzelpersonen, Gemeinschaften als auch Organisationen für existenziell. Um der „Warum“-Diskussion vorzubeugen, sein „Why“ entspricht aus meiner Sicht unserem „Wofür“ oder „Wozu“. Und wenn ich auf diese Frage keine Antwort mehr finde, die sich für mich richtig anfühlt, dann ist es Zeit für Veränderung. Inzwischen habe ich eine klare Antwort: Ich möchte Empathie bewahren, indem ich Menschen dabei unterstütze, sich selbst und anderen besser zuzuhören. Dafür coache ich.

Aus meiner Erfahrung auf dem Weg dahin kann ich sagen: Die Suche nach dem „Wofür“ bringt Dich Deinem eigenen Wesenskern näher. Du kannst erkennen, wie Du eigentlich tickst – Du wirst Dir Deiner selbst bewusster. Das ist die Grundlage, um Deine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Erst wenn Du Deine inneren Werte und Prioritäten kennst, verliert die Erwartungen von außen nach und nach ihren Einfluss auf Dich. Dann bist Du in der Lage, Grenzen zu setzen, zu kommunizieren und zu verteidigen. Eine klare Antwort auf „Wofür?“ gibt Dir Orientierung für alle Lebenssituationen. Sie gibt Dir Kriterien, anhand derer Du im Optionensalat entscheiden kannst.

Das kann auch die Grundlage für berufliche Orientierung bieten – egal ob es um die Suche nach einem neuem Job, einem neuen Beruf oder einfach „nur“ ums Schreiben einer Bewerbung geht. Gerade bei letzterem richtet sich der Inhalt noch zu häufig nach dem vermeintlich von außen Erwarteten. Davor sollte ein ganz anderer innerer Prozess stattfinden, damit ich MEINEN Job überhaupt finden kann. Wenn ich die Vorbereitung einer Bewerbung auf mein „Was“ und „Wie“ beschränke, darf ich mich nicht wundern, wenn mir der Sinn meiner Tätigkeit ziemlich schnell verloren geht.

Diese Antworten kann jeder alleine für sich finden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, auch das funktioniert – doch mit einem spiegelnden Gegenüber geht es wesentlich schneller. Egal bei welchem Thema. Das können gute Freunde sein, die in der Lage sind mir mein Verhalten wertfrei zu spiegeln und die sich mit gut gemeinten Ratschlägen dezent zurückhalten. Damit komme ich selbst oft schon sehr weit und sehe nach einem solchen Gespräch schon wesentlich klarer. Und wenn das nicht hilft, vielleicht doch mal einen Profi ausprobieren. Wenn ich das früher gemacht hätte, wäre mir die ein oder andere Schleife leichter gefallen und ich hätte vielleicht schneller aus meinen Fehlversuchen lernen können.

Die Arbeit am „Wofür“ ist der erste Schritt für die Gestaltung der eigenen Wachstumsumgebung.


Weiterempfehlen ausdrücklich erlaubt:
0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.