Was kommt nach „Augenhöhe“?!?

Neulich sagte einer meiner Lieblingsmenschen zu mir: „Das Wort Augenhöhe kann ich nicht mehr hören!“

Ich persönlich finde es sehr schade, wenn ein gut und sinnvoll gedachtes Wort mal wieder zum Buzzword verkommt. Schon wieder ein Begriff, der sich abgenutzt hat, weil ihn zu viele Menschen verwenden, die seine Bedeutung noch nicht verinnerlicht haben. Das passiert allzu leicht, wenn wir zu früh mit dem Denken aufhören. Wenn ich mir vorschnell eine Meinung bilde und diese dann zur einzigen Wahrheit erkläre. Wenn ich kein echtes Interesse an den Gedanken meiner Mitmenschen mehr habe. Wenn ich mich gar nicht drauf einlassen möchte, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Dann wird ein Miteinander auf Augenhöhe tatsächlich schwierig.


Und damit kommen wir zu dem Wort, das ich nicht mehr hören kann: „Wertschätzend“!

„Wertschätzung bezeichnet die positive Bewertung eines anderen Menschen. Sie gründet auf eine innere allgemeine Haltung anderen gegenüber. Wertschätzung betrifft einen Menschen als Ganzes, sein Wesen. Sie ist eher unabhängig von Taten oder Leistung, auch wenn solche die subjektive Einschätzung über eine Person und damit die Wertschätzung beeinflussen.“
Wikipedia Artikel „Wertschätzung“

Wie oft wird dieser Begriff von Menschen benutzt, die sich in einer wertenden Dauerschleife bewegen. Weniger werten, mehr schätzen – das wäre vielleicht mal ein Anfang. Dann könnte auch wieder echte Begegnung stattfinden, in der ich mein Gegenüber bewusst wahrnehme. Zwei Menschen treffen aufeinander, um sich gegenseitig zuzuhören, einfach nur sein zu dürfen – ohne etwas dafür tun oder leisten zu müssen, ohne bewertet zu werden. Welche Erleichterung ein solcher Moment bringen kann! Wie groß die Wirkung sein kann, wenn Dich nur ein einziger Mensch so wahrnimmt, wie Du bist. Und wie anstrengend es ist, diese innere Haltung auch unter großem Druck und hoher Anspannung zu bewahren!!!

Ein entscheidender Schritt auf diesem Weg waren für mich die Bücher und TedTalks von Brené Brown. Dadurch habe ich viel über meinen Perfektionismus, seine Funktion und seine Auswirkungen gelernt. Das hat mir überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, mehr von mir nach außen zu zeigen, mich mehr mitzuteilen. Je gelassener ich inzwischen mit meiner eigenen Unvollkommenheit umgehe, desto wohlwollender behandle ich auch meine Mitmenschen.

Brené Brown hat mir den Zugang zur Arbeit an meinem eigenen Selbstwert ermöglicht. Diese Haltungsänderung war ein längerer Prozess. Die alten Muster finden zwar auch heute noch ihren Weg, jedoch seltener als früher – und heute gehe ich anders damit um.

Inzwischen läuft in meinem Kopf ein anderer Film, wenn ich mich mal wieder über einen anderen Menschen ärgere. Ich nehme die Emotion wahr und versuche sie mit verschiedenen Methoden zu stoppen. Dann schaue ich, worüber ich mich gerade bei mir selbst ärgere, ob ich etwas gemacht habe, womit ich selbst unzufrieden bin. Wenn ich dann wohlwollender mit mir selbst umgehe, bleibt meistens wenig von der Wut auf meinen Mitmenschen übrig.

Und wenn ich zu dem Ergebnis komme, dass ich mir von einem Mitmenschen doch mal ein anderes Verhalten gewünscht hätte? Dann kann ich durchaus diesen Wunsch haben. Wenn er jedoch nicht erfüllt wird, dann schade ich mir mit meiner Wut darüber selbst am meisten. Ich habe die Möglichkeit, mich bewusst gegen dieses Gefühl zu entscheiden, indem ich den Raum zwischen Reiz und Reaktion nutze. Das erfordert ein gewisses Maß an Selbstreflexion und jede Menge Übung! Falls wir dabei wieder zu hart mit uns selbst ins Gericht gehen – Tagesform, der falsche Fuß am Morgen, Hormone, Wetter oder der Stand von Sonne, Mond und Sternen können dabei durchaus ihren Einfluss auf uns haben 😉

Falls ich dann doch mal meinem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden bin, habe ich immer noch das Mittel der Entschuldigung. Meine eigenen Erkenntnisse mitzuteilen, kann meinem Mitmenschen auch eine neue Sichtweise auf eine Situation bringen.

Dann bewegen wir uns auf Augenhöhe – und wen das Wort inzwischen anödet: Wie wäre es mit Hörweite? Wenn wir lernen, uns selbst und unseren Mitmenschen wieder offen zuzuhören, vielleicht müssen wir uns dann nicht mehr so laut anbrüllen? Vielleicht können wir uns dann wieder aufeinander zu bewegen, um uns besser zu verstehen. Selbst wenn das oft so viel anstrengender ist, als einfach nur zu werten.


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